Würde Kongresstival 2020

Erich Schützendorf

Volkshochschuldirektor im Ruhestand

 


 

 

 

Würde :

 

Während meiner Berufszeit habe ich mich 40 Jahre mit dem Älterwerden, dem Alter, der Altenpflege, der Altenbildung und ganz besonders mit Menschen mit Demenz beschäftigt. Da hätte es eigentlich nahe gelegen, mich für die Würde alter Menschen und einem Altern in Würde zu interessieren. Mir klang das Wort „Würde“ allerdings immer zu pathetisch, ein großes Wort, mit dem man dem im Alltag oft unreflektiertem Umgang mit alten Menschen eine unverdiente Bedeutung verleihen will. Ich wollte herausfinden, wie man mit Menschen, die im Alter auf Hilfe, Betreuung und Pflege angewiesen sind, im Einzelfall anständig umgehen kann, so dass sowohl derjenige, der sich in andere Hände begeben muss, als auch derjenige, der den anderen in der Hand hat, das Gesicht wahren kann. Vielleicht, dachte ich, als die Anfrage für das Kongresstival kam, entsteht Würde bei der Suche nach Achtsamkeit und Selbstbeachtung.

 

 


  

Vortrags- oder Beitragstitel 

 

»Würde in Grenzsituationen«  

Herausforderungen durch Menschen mit Demenz

 

 


 

Kurzbio

Nach dem Studium der Pädagogik, Psychologie und Soziologie wurde ich Fachbereichsleiter für Fragen des Älterwerdens an einer Volkshochschule. Mein Interesse für Gerontologie war sicher kein Zufall, denn ich wurde 1949 in eine Familie geboren, in der ich neben meinen Großeltern von mehreren Großtanten umgeben war. 1976 begegnete ich zum ersten Mal Menschen mit Demenz und sie haben mich sofort fasziniert. Wenn ich bei ihnen war, befand ich mich in einem anderen Land. Hier galten nicht mehr Rationalität und Funktionalität wie in dem mir vertrauten Land, hier hatten Gefühle, Sinne und Zweckfreiheit Vorrang. Seit meiner Pensionierung 2015 nutze ich meine Entpflichtung, um meine Gedanken über Menschen mit Demenz zu ordnen, zu vertiefen und neue Gedanken zuzulassen


 

Vortrag/Workshop

Menschen mit Demenz entwickeln einen ausgesprochenen Eigensinn. Mutter putzt ihre Brille mit einer Scheibe Wurst, eine Dame trägt ihre volle Vorlage stolz auf dem Arm, Vater umarmt in der Stadt wildfremde Menschen oder ein Herr spielt mit seinem Kot. All das hat wenig mit unseren Vorstellungen von Zivilisation und mit unseren Vorstellungen von menschlicher Würde zu tun. Soll, ja muss man das verrückte Handeln unterbinden, um die Würde des Menschen zu bewahren? Zählt der mutmaßliche Wille, also das, was ein Mensch gewollt hätte, als er bei Verstand war, oder gibt es für Menschen mit Demenz ein Recht auf unvernünftige Selbstbestimmung? Dürfen Rationalität, Vernunft und funktionale Autonomie bei Menschen als Maßstab für Würde angelegt werden. Oder haben Menschen mit Demenz eine eigene Würde, die es zu respektieren gilt?

 


 

 

Produkt/ Veranstaltung

In dem Buch „Anderland entdecken, erleben, begreifen“, das vom Verein Glücksmomente e.V. herausgegeben wurde, können meine Gedanken zu Menschen, die im Land der Demenz leben, nachgelesen werden

Erich Schützendorf, Jürgen Datum: Anderland entdecken, erleben, begreifen. Ernst Reinhardt Verlag, München 2019